1957 -DIE FIRMA WEIDNER MACHT SCHWÄBISCH HALL ZUM STANDORT EINER AUTOPRODUKTION

von Daniel Stihler (mit frendlicher Unterstützung*)

Mit dem von 1957 bis 1958 bei der Firma „Fahrzeugwerk Weidner OHG“ an der Stuttgarter Straße gefertigten Sportcoupe „Weidner 70 S“1 war Schwäbisch Hall kurzzeitig Standort einer PKW-Produktion.
Die Firma Weidner wurde 1918/1919 in Heilbronn von Friedrich Weidner als Handwerksbetrieb gegründet und stellte anfangs u.a. Fahrräder und Musikboxen her bzw. reparierte sie. 1931 begann die Fertigung von Pkw-Anhängern.2 1941 verlagerte man den Betrieb nach Künzelsau, wo Fahrzeug-Zubehörteile zur Produktpalette hinzu kamen. Nach einem Zwischenspiel auf dem Areal der ehemaligen Munitions-Nebenanstalt der Wehrmacht bei Kupfer nahm die Firma am 1. Dezember 1951 in der Schwäbisch Haller Stadtheide an der Stuttgarter Straße mit 76 Beschäftigten die Arbeit auf.3 Schwerpunkt der Produktion waren mittlerweile Anhänger und Kippwagen für die Land-und Forstwirtschaft, von denen über 132.000 hergestellt wurden, daneben Spezialfahrzeuge wie Autokranwagen und KFZ-Prüfstände.
Der „Weidner 70 S“ war eine Entwicklung des Autokonstrukteurs Hans Trippel (1908-2001).4 Trippel hatte ab den 1930er Jahren vor allem Schwimmwagen gebaut und ab 1940/41 im elsässischen Mols-heim die „Trippelwerke“ geleitet. Die Ausbeutung von KZ-Häftlingen brachte dem SS-Mitglied nach 1945 eine Haftstrafe in Frankreich ein. Nach deren Ende versuchte sich Trippe! mit der Konstruktion von Kleinautos. Seine technisch innovativen Entwicklungen kamen jedoch nie über das Prototypen-und Kleinserienstadium hinaus. Dieses Schicksal traf auch den 1953 zusammen mit einer französischen Firma entwickelten Sportwagen „Marathon Corsaire“ bzw. (als Cabriolet) ,,Pirate“, der nach dem Vor-bild der Chevrolet „Corvette“ eine Kunststoffkarosserie hatte.5 Nach dem Scheitern dieses Vorhabens überarbeitete Trippel das Konzept und stellte 1955/56 den „Trippel 750“-Sportcoupe vor. Nachdem sich aus Kontakten nach Belgien und Skandinavien außer der Kleinserienproduktion eines Plagiats in Norwegen wenig ergeben hatte, entwickelte der Autobauer ein Konzept für ein Unternehmen mit einem Montagewerk in Süddeutschland und Vertriebsgesellschaften in Deutschland und der Schweiz.

WEidnere-Condor-1957
Auf das Expose hin meldete sich als einziger Interessent der ehemalige Messerschmitt-Fabrikdirektor Willi Kirchhammer, der nun einen Vertrieb für Automobile aufbauen wollte.6 Kirchhammer schloss mit Trippel einen Lizenzvertrag ab und lieh sich den Prototypen im Frühjahr 1956 ,,für einige Tage“ aus, um eine Produktionsstätte zu finden. Zuerst versuchte er sein Glück bei NSU in Neckarsulm, wo man das Auto – zum Entsetzen des Konstrukteurs – eine Woche lang genau untersuchte und dann ablehnte. Aus unbekannten Gründen kam Kirchhammer dann auf die Firma Weidner in Schwäbisch Hall, vielleicht aufgrund persönlicher Kontakte. Möglicherweise war er aber schlicht und einfach auf der Durchreise auf die Fabrik gestoßen, in der man seit 1957 Anhänger „fließbandmäßig“ produzierte. Friedrich Weidner ließ sich wohl nicht zuletzt deshalb für eine Zusammenarbeit gewinnen, weil Kirchhammer die Abnahme der gesamten Produktion garantierte und das finanzielle Risiko damit überschaubar war. Unter Aufsicht Trippels wurde eine Halle für die Autoproduktion umgebaut. Vorgesehen war eine Kapazität von bis zu 400 Wagen im Monat. Im März 1957 begann die Serienfertigung des im Vergleich zum „Trippel 750″ nochmals veränderten Autos. Das zweisitzige, an den Porsche 356 erinnernde, 3,85 m lange Sportcoupe mit seinen nach vorne öffnenden Türen wurde von einem im Heck untergebrachten Dreizylinder-Zweitaktmotor der Heinkel AG mit 677 ccm und 32 PS angetrieben. Er beschleunigte das etwa 720 kg schwere Fahrzeug auf maximal 135 km/h. Das vollsynchronisierte Vierganggetriebe kam von Getrag in Ludwigsburg, die Lenkung von ZF in Friedrichshafen. Die auf einen gekanteten Stahlblechrahmen geschraubte, geharzte Kunststoffkarosserie aus Polyester war ein Produkt der Karosseriefabrik Binz in Lorch. Auf den ursprünglich vorgesehenen Namen „Condor“ musste man nach der Vorstellung auf dem Genfer Autosalon von 1957 ebenso wie auf den Ersatznamen „Viper“ verzichten, da beide bereits markenrechtlich geschützt waren. So kam es zur Bezeichnung „Weidner 70 S“. Obwohl im Zuge des Wirtschaftsbooms der 1950er Jahre ein großes Marktpotential bestand und ähnliche Autos wie der VW Karmann-Ghia großen Anklang fanden, verkaufte sich der „70 S“ nur sehr schleppend. Mit einem Preis von über 7.000 Mark war er relativ teuer, außerdem fehlte ein zuverlässiges Servicenetz. Angesichts der schlechten Verkaufszahlen, möglicherweise auch wegen der Markteinführung des NSU „Sportprinz“ als übermächtiger Konkurrenz, stellten Kirchhammer und Weidner im Dezember 1958 die Produktion ein. Die Angaben zu den tatsächlich gefertigten Autos schwanken stark. In Lorch hatte man 200 Karosserien produziert. Laut einer Firmenchronik wurden nur 76 fertig gestellt, andernorts ist von etwa 130 montierten „70 S“ die Rede.

Produktion-des-WEidner-70S
Nach derzeitigem Stand existieren nur noch zwei „Weidner 70 S“. Ein Exemplar befindet sich im momentan nicht zugänglichen Kleinwagenmuseum in Bockenem-Störy (Niedersachsen), ein zweites in Privatbesitz in Kalifornien. Zumindest Teile eines dritten Wagens besitzt das Verkehrsmuseum München.
Für die Firma Weidner wirkte sich dieses Abenteuer nicht negativ aus. Man produzierte weiterhin Anhänger und andere Geräte für die Land- und Forstwirtschaft, entwickelte ein Bergungsfahrzeug und betrieb eine Tankstelle sowie einen Fahrzeughandel (ab 1957). Ende der 1960er Jahre zählte die Firma etwa 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In diesen Jahren begann die Verlagerung des Schwerpunkts zu Abschlepp- und Kranwagen, Autotransportern sowie – ab 1969 – auf die Reinigungstechnik. Anhänger werden seit 1974 nicht mehr hergestellt. Die heutige Firma „Weidner Reinigungssysteme GmbH“ fertigt Hochdruckreiniger, stationäre Reinigungssysteme für die Industrie sowie Tankinnenreinigungsanlagen für Speditionen und ist in der Schmollerstraße in Hessental ansässig.